Spielplatz „Into the Wild“ in Den Haag von Openfabric

publiziert in sb 4/2017

Ungezähmt

Das Spielplatzkonzept der Architekten von Openfabric führt drei verschiedene Spiellandschaften in einer Anlage zusammen: Der Innenbereich ist ein wildes natürliches Spielgelände, der Außenbereich ein urbaner Sportplatz, und an der Schnittstelle befindet sich das „Band“, eine gewundene Spiellandschaft mit allen traditionellen Spielplatzgeräten. Diese Vielfalt verschiedenster Spielformen, arrangiert in einer offenen Spiellandschaft, schafft eine intensiv erlebbare, dynamische Welt, in der sich Kindern schier unendliche Möglichkeiten eröffnen, den Raum im Spiel neu zu interpretieren und zu gestalten – ein Kontrast zu den vielen monofunktional konzipierten Spielplätzen mit Standardspielgeräten, die es heutzutage überall gibt.

Grevelingenveld, lokal auch bekannt als Deltaplantsoen, ist ein Platz im Den Haager Stadtteil Rivierenbuurt. Gestaltet wurde der 8.100 m² große Platz mit Blick auf den direkt angrenzenden Bau einer neuen Schule für den Stadtteil. Die öffentlichen Anlagen werden von der Schule tagtäglich als Schulhof, die dortigen Grünflächen als Klassenzimmer unter freiem Himmel genutzt.

Außen urban, innen naturbelassen und wild

Zentral in der Mitte liegt der Naturspielplatz, auf dem Kinder sich ihre eigenen Spielbereiche schaffen und sie auch wieder zerstören können – unter Einsatz natürlicher Materialien dank schnell wachsender Pflanzen wie Weide und Schilfgras. Die ausgewählten Baumarten sollten widerstandsfähig sein und sich als Kletterbäume eignen. Regenwasser sammelt sich bei entsprechenden Wetterverhältnissen in einer kleinen Senke, die sich mittels Trittsteinen überqueren lässt.

Dank einer derartigen natürlichen Spiellandschaft mitten in der Stadt kommen Kinder in ihrem Alltag stärker in Berührung mit der Natur, ein wesentlicher Faktor für eine gesunde Kindheit und ein Erlebnis, das im urbanen Kontext in der Regel fehlt. Die Pflanzenauswahl sorgt für maximale visuelle Vielfalt im Jahresverlauf, während die Biodiversität von Flora und Fauna einen hervorragenden Hintergrund für den Ökologieunterricht der Schule bietet. Durch das kontinuierliche Wachstum der Pflanzen und Bäume erfindet sich die Landschaft im Laufe der Jahre immer wieder neu.

Kohärenter Raum

Bei Sportanlagen, klassischen Spielplätzen und Naturspielplätzen handelt es sich normalerweise um von­einander unabhängige und auch räumlich getrennte Freizeitanlagen. „Into the Wild“ führt diese drei Spielformen in einem kohärenten Raum zusammen. Im äußeren Bereich der Anlage befinden sich Sportplätze. Klassische Spielgeräte wurden direkt im „Band“ angeordnet, einer optischen Abgrenzung zwischen dem inneren und dem äußeren Bereich. Im Innerem wiederum kann sich die natürliche „Wildnis“ entfalten. Auf diese Weise ergibt sich insgesamt ein einfaches Layout mit einer großen Palette an Spielszenarien.

Der Spielplatz wurde auf verschiedene Weise in seine urbane Umgebung eingebunden: Aus urbaner Perspektive verschmilzt der äußere Bereich des Spielplatzes mit dem steinernen Charakter der Stadt. Mit Blick auf den Erholungsaspekt ergänzt die Spiellandschaft die wenigen übrigen Sport- und Erholungsanlagen des Stadtteils. In sozialer Hinsicht schließlich ist die Anlage mit der benachbarten Schule verbunden und zieht ein sehr vielfältiges Publikum an.

Wellenförmige Verbindung

Die Schnittstelle zwischen urbanem und natürlichem Raum bildet das „Band“, eine gewundene Spiellandschaft, die Kinder zum Hin- und Herpendeln zwischen beiden Welten animiert und einlädt. Das Band lässt sich mittels Kletterwand überwinden, darüber hinaus wurden verschiedene Tunnel und Rutschen angelegt. Am Rand befindet sich außerdem eine Stahlrampe für Skater und Rollerfahrer. Das „Band“ dient unter anderem auch als Sitzelement am Sandkasten oder als Zuschauertribüne für diejenigen, die sich das Treiben auf den Sportplätzen anschauen möchten.

Der Außenbereich ist im Gegensatz dazu ein klassisch geschnittener Hartplatz für Sport und Spiel. Verschiedene Linienmuster geben Sportfelder für Fußball oder Basketball vor, bilden aber auch ein abstraktes Muster, eine spielerische Matrix, die darüber hinaus neue Spiele möglich macht.

Wirtschaftliche Nachhaltigkeit

Bei der Planung des Spielplatzes wurde Wert auf eine langfristige wirtschaftliche Nachhaltigkeit gelegt. Zum einen wurden die Materialien mit Blick auf ihre Strapazierfähigkeit gewählt, zum anderen beschränken sich die Kosten für Betrieb und Instandhaltung auf ein Minimum. Gerade die Instandhaltung kann bei klassischen Spielplätzen ein leidiges Thema sein, ist Spielen doch eine intensive Aktivität mit starker Beanspruchung von Geräten und Spielflächen. Aus diesem Grund vermieden die Planer externe Komponenten und separate Objekte (die oft am empfindlichsten sind) und verankerten stattdessen alle Spielelemente innerhalb des „Bands“ aus Beton. Rutschen, Tunnel, eine Kletterwand, Gucklöcher, ein Dreh­rad, Sitzelemente und eine Tribüne sind Bestandteil des durchgängig verlaufenden „Bandes“. Damit sinken das Schadenrisiko und vor allem auch die Instandhaltungskosten in ganz erheblichem Maße.

Im Dialog mit den Besuchern

Leitgedanke während des gesamten Prozesses von der Planung bis hin zur Realisierung war das Verständnis für den sozialen Aspekt des Projekts. Planer und Bauherren standen von Beginn an mit den Menschen vor Ort in Kontakt. Es gab mehrere Versammlungen zum geplanten Spielplatz, bei denen Kinder, Eltern, Schulvertreter und Spielleiter sich einbringen konnten, sodass besondere Anforderungen erkannt und im Planungsprozess berücksichtigt werden konnten. Und so findet die Anlage in der Tat Anklang bei einer Vielzahl von Nutzern: von Kleinkindern im Sandkasten über Skater, die „Into the Wild“ zu einem der beliebtesten Skate-Spots des Landes gewählt haben, bis hin zu älteren Mitbürgern, die auf den Tribünen sitzen, an den Picknick­tischen zusammenfinden oder sich die Zeit auf der ­Boccia-Anlage am südwestlichen Rand des Geländes vertreiben können.

Bildungsgedanke

Ökologische Nachhaltigkeit wird hier einmal anders definiert. Während der Begriff den Blick in der Regel eher auf Materialien und Energieeffizienz lenkt, steht hinter „Into the Wild“ vor allem der Bildungsgedanke. Das Wissen über die Natur und die Auseinandersetzung mit ökologischen Prozessen sind von grundlegender Bedeutung. Landschaftsarchitekten sind damit auch berufen, den jüngeren Generationen die Schönheit der Natur und zugleich deren Zerbrechlichkeit vor Augen zu führen. Dies ist der erste Schritt hin zur Entwicklung von Umweltbewusstsein.

Die Einbindung der Anwohner in den Prozess beschränkte sich nicht auf die obligatorischen Standardversammlungen, sondern genoss von Anfang an Priorität und wirkt auch über die Fertigstellung des Spielplatzes hinaus bis in die Gegenwart fort. Dank dieses Ansatzes identifizieren sich die Bewohner des Stadtteils nun wahrhaftig mit „ihrem“ neuen öffentlichen Raum und übernehmen eine aktive Rolle beim „Betrieb“ der Anlage ­­(zum Beispiel Veranstaltungsplanung, Elternaufsichtsgruppen und Instandhaltung durch Freiwillige).

Durch die Einbeziehung aller Beteiligten ist ein öffentlicher Raum entstanden, in dem ein breites Spektrum sozialer Gruppierungen und Altersgruppen vertreten und Erholung für alle möglich ist. Im Ergebnis lebt die Anlage nicht nur von der großen Vielfalt ihrer Nutzer, sondern vor allem auch als Raum des Austausches zwischen den verschiedenen Nutzergruppen.